RIVER BLUES BAND
Album „Heart Life“
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Wie alles begann

Es ist Sommer 1973. In der DDR-Hauptstadt feiert man mit großem Aufwand und viel Kultur die 10. Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Ein Zwölfjähriger aus Werder setzt sich in den Vorortzug und erlebt live auf der Bühne an den Berliner Rathauspassagen die „Klaus Renft Combo“. Spielfreude, Druck aus den Boxen und glasklare Texte. Nun ist Detlef Gottschling klar: Eine Gitarre muss her. Selbst die Hürde langweiliger Gitarrenstunden mit Tonleitern und Volksweisen ist nicht zu hoch. Fünf Jahre später – die „Klaus Renft Combo“ hat wegen kritischer Texte seit dem Jahr 1972 Spielverbot – ist der Junge nun Lehrling in einem Produktionsbetrieb in Nauen. An langen Abenden übt er jetzt E-Bassgitarre als Mitglied der Band „0815“. Procol Harum, CCR, Rolling Stones – das Repertoire wächst.
Alles für die Jolana
Szenenwechsel: In Babelsberg versucht sich ein anderer Zwölfjähriger auf einer klassischen Konzertgitarre, hängt am Radio und hört sich die Riffs der angesagten Bands heraus. Doch auf der Musikschule will man ihn nicht haben. Michael Schupke übt trotzdem weiter, wird sogar aus der Nachbarschaft als Gitarrenlehrer angefragt. Die Geldgeschenke zur Jugendweihe gehen vollständig für eine tschechische „Jolana“-E-Gitarre – angelehnt an die amerikanische Fender-Stratocaster – drauf. Den Ton liefert ein altes Röhrenradio, und mit „Exit“ hebt der inzwischen 14-Jährige seine erste Schülerband mit aus der Taufe. Fun Fact: Der Trommler spielt auf allem, was irgendwie klingt – aber ein richtiges Schlagzeug hat er nicht. Deshalb wird ein gebrauchtes Trowa-Drum-Set aus Beelitz besorgt. Mit drei Mann mit dem Linienbus.
Auch das erste Rocktheater in Potsdam entsteht mit Schupke an der POS 31 (Polytechnische Oberschule) und wird in vielen Potsdamer Schulen aufgeführt.

Kinks, Beatles, CCR, Clapton – die Band covert, wonach das Publikum gern tanzt. Geprobt wird in einem Keller im Potsdamer Stadtteil Zentrum-Ost. Erste eigene Titel entstehen. Der Jugendclub unterstützt die jungen Musiker. Schließlich absolvieren sie die vorgeschriebene staatliche Einstufung und dürfen nun auf die Bühne. Umzug zuerst in den Probenkeller vom Klubhaus „Lindenpark“, später in den Musikantenclub „An der Vorderkappe“. Fast nebenbei läuft Michael Schupkes Berufsausbildung zum Koch – aber die Konzerte mit „Galaxo“, „Breathering“, „Garfield“ und schließlich „Steinschlag“ bestimmen zunehmend sein Leben. Anstatt an Kochtöpfen, steht er auf der Bühne und kümmert sich im Musikantenclub vor allem um Bands aus Potsdam und darüber hinaus.
70 Konzerte im Jahr
Detlef Gottschling schließt seine Schlosser-Lehre mit Abitur ab, fängt an, Landtechnik zu studieren, wird auf Umwegen an der Amerikanistik/Anglistik der Humboldt-Universität Englisch-Deutsch-Lehrer, hängt die Anstellung in der Volksbildung nach zwei Jahren an den Nagel und wird Journalist. Und wieder ruft die Musik: Als Mitgründer der Band „Steinschlag“ stürzt er sich in ein großes Abenteuer. Entgegen der staatlichen Festlegung spielt die Band einhundert Prozent „Westmusik“ – und zwar ausschließlich von den Rolling Stones. Das Publikum lechzt danach, so dass bald 70 Konzerte im Jahr im Kalender stehen. Rostock, Berlin, Potsdam, Magdeburg, Cottbus, Eisenhüttenstadt, Leipzig, Zwickau, Röderau, Dessau und schließlich eine 14-tägige Tournee in die Sowjetunion zu den deutschen Arbeitern auf den Baustellen der Erdgastrasse Druschba. Danach folgen Studioaufnahmen und Rundfunkausstrahlungen eigener Songs sowie die Vorbereitungen für eine Schallplatte beim staatlichen Label Amiga. Doch nun fällt die Mauer – und alles ist anders.

Metamorphose
Das Konzertpublikum geht nun zu den echten Rolling Stones – und nicht nur zu denen. Viele DDR-Bands verlieren ihren Sinn und ihre Fans. „Steinschlag“ erholt sich Anfang der 1990er wieder etwas, Musiker wechseln – der Stamm bleibt. Doch der Anschluss an die alten Zeiten ist nicht mehr möglich. Zahlreiche Spielstätten wie Jugendclubs und Konzertsäle bleiben zum Teil für immer geschlossen. Niemand trampt mehr an den Wochenenden hunderte Kilometer, um seine Lieblingsbands zu erleben. So ist im Herbst 2004 die Zeit reif für ein paralleles Session-Projekt – die „River Blues Band“. Die Noch-„Steinschläger“ Sänger Detlef Gottschling, Gitarrist Michael Schupke, Schlagzeuger Thomas Warneke und Gitarrist Michael Kunczak orientieren sich neu, finden als Band den historischen Dampfer „Gustav“ und dessen enthusiastische Crew als neue Stamm-Spielstätte in Potsdam. Bald kommen neue Klangfarben Pianist Ludger Wirsig und Bassist Peter Gläser, aktuell Bassist Volkmar Große hinzu.
Die „River Blues Band“ hat bei ihren Konzerten auf dem Wasser und an Land immer wieder Gastmusiker an Bord: Schlagzeuger Friedemann Schulz, Saxophonist Sebastian Pietsch, Schlagzeuger und Posaunist Andreas Otto, Gitarrist und Gitarrenbauer Helmut Kreuchwig, Schlagzeuger Frank Winkelmann, Sängerin Anna Hilbert, Sänger Frank „Gala“ Gahler, Gitarrist Martin Thiel. Das Repertoire: ein Querschnitt durch die britische und amerikanische Rock- und Blues-Geschichte.

Produktion in Babelsberg
Doch: Die alten eigenen Ideen, Melodien, Riffs und Texte sind immer noch im Kopf von Detlef Gottschling und Michael Schupke. Ein Duo, dass sich nach fast 40 Jahren gemeinsamer Bühnenerfahrung fast wortlos versteht. So steht gemeinsam mit Schlagzeuger Thomas Warneke im Jahr 2025 fest: Wir machen jetzt endlich die Tonaufnahmen – und zwar im Babelsberger Studio von Andreas Schulte. Und dann schauen wir, was dabei herauskommt. Aus zunächst vier oder fünf englischsprachigen Stücken werden bald darauf 13 Titel, und schnell wird klar, dass diese perfekt auf eine CD sowie auf eine Vinyl-Schallplatte passen. Texter und Sänger Detlef Gottschling: „Wir haben Jahrzehnte nur englischsprachige Songs gespielt. Das prägt. Ich habe Deutsch und Englisch studiert – für mich passt Letzteres im Blues und im Rock’n’Roll besser.“

Who Is Who
Und wieder ist das Interesse von Musiker-Kollegen geweckt, mit dabei zu sein. Neben Detlef Gottschling, Michael Schupke, Thomas Warneke und Volkmar Große sowie Produzent und Pianist Andreas Schulte selbst geben sich Trompeter Ronald „Arnold“ Hänsch, Gitarrist und Violinist Henryk Körbs, Gitarrist Martin Thiel, Saxophonist und Fagottist Sebastian Pietsch, Schlagzeuger Igor Prjahin, Pianist und Organist Peter „Eiche“ Eichstädt sowie Sängerin Martha During die Klinke im Studio in die Hand. Jede Woche ein paar Stunden, wie es zeitlich passt – und schon ist Frühjahr 2026. Wie es zu dieser Supergroup kam – das seht Ihr hier auf YouTube.
Nun liegt das Album mit der bedeutungsvollen Wortspielerei „Heart Life“ im Titel auf dem Tisch – mit dreizehn Songs, die allesamt Erfahrungen, die Liebe, etwas Weisheit – eben das Leben – beschreiben.
Worum geht es auf dem Album?
(Caught in the) Night Train
Wir sitzen allein im „Night Train“ mit der Hoffnung, Regen und Dunkelheit zu durchfahren und in sonnigen Tagen anzukommen.
Happy
Der Song „Happy“ kündet vom Alleinsein auf langen und weiten Straßen, auf denen neue Gedanken und Lebensabschnitte warten. Ideal für Biker?
Rhythm & Blues
Das Lied „Rhythm & Blues“ ist eine Widmung für die gleichnamige Musikrichtung.
Same Old Game
Immer das gleiche Spiel zwischen den Menschen, das trotzdem immer wieder anders sein kann, erleben wir in „Same Old Game“.
New And Old
Und wenn man es schafft, endlich einmal Altes hinter sich zu lassen, dann ist „New And Old“ wahrscheinlich der perfekte Rock’n’Roll zur Begleitung.
Water And Wind
Was wäre aber eine Platte ohne eine Liebes-Ballade? „Water And Wind“ lädt zum Träumen und zum Mitfühlen ein.
250 Horses
Und natürlich gibt es auch ein Lied für den Dampfer „Gustav“, der der Band immer wieder als Inspiration gilt: „250 Horses“ kündet von der PS-Kraft der Dampfmaschine tief unten im Schiff.
On The Radio
Das Einfache, was oft so schwer ist für Menschen, die nicht mehr miteinander reden? „On The Radio“ bietet ein auch musikalisch überraschendes Rezept dafür an.
Roll On
Und wenn nichts mehr geht, wenn der Regen sprichwörtlich bergauf fließt, dann, ja dann muss auch einmal der große Abschied her – in „Roll On“.
Witches And Wizards
Denn das Leben ist kein Märchen wie bei Hänsel und Gretel, sondern es macht es uns nicht immer leicht – wie in „Witches And Wizards“.
Happy Hour
Was an manchen Tagen helfen kann, ist eine verheißungsvolle „Happy Hour“ – aber lohnt es sich, diese immer und überall einzufordern? Trügerische Versprechungen …
Distance
So kann es passieren, dass man irgendwann zu bestimmten Mit-Menschen doch lieber wieder auf „Distance“ geht.
River Mood
Die Stimmung, die bei den Aufnahmen und Arrangements herrschte, und die die Band oft trägt, fasst vielleicht das letzte, experimentelle Stück zusammen: „River Mood“.
Und wer möchte: Tanzen ist nicht verboten 😉